WM-Qualifikation: Glücklicher Sieg für schwaches DFB-Team

Tschechien spielt nach dem Rückstand mit

Die Tschechen brauchten ein Weilchen, um den frühen Schreck zu verdauen. Erst nach einer knappen Viertelstunde kamen sie vor etwas mehr als 18.000 Zuschauern erstmals halbwegs gefährlich vor das deutsche Tor, allerdings blockte Lars Stindl den Schuss von Jan Kopic ab (12.).

Tschechien war gegen nun etwas sorglos agierende Deutsche plötzlich das bessere Team und erspielte sich ein paar Halbchancen und Eckbälle.

Die nächste Riesen-Möglichkeit hatte aber wieder der amtierende Weltmeister – eine schöne Kombination über Toni Kroos und Julian Brandt landete bei Lars Stindl, der frei am Elfmeterpunkt stand, den Ball jedoch nicht gut genug platzierte (20.).

Schwieriges Spiel gegen defensive Gastgeber

Tschechien zeigte viel Engagement und Leidenschaft, das Team legte den Fokus aber zu Beginn der Partie eindeutig auf die Defensive, wo immer wieder eine Fünfer- und davor noch eine Viererkette aufgebaut wurde.

Da das immer besser funktionierte, verflachte die Partie zusehends. Deutschland kam gegen die überaus vielen Abwehrspieler nicht mehr durch, Tschechien blieb im Spiel nach vorne ungefährlich. Den passenden Schlusspunkt der ersten Hälfte setzte Theodor Gebre Selassie. Der Verteidiger von Werder Bremen stand frei am rechten Strafraumeck, von wo er den Ball unbedrängt weit übers deutsche Tor flankte.

DFB-Team ohne Torchance nach der Pause

Nach der Pause zeigten sich die Gastgeber angriffslustiger. Besonders über die von Jonas Hector verteidigte linke Seite konnten sich die Tschechen einige Male in Szene setzen. Allerdings machte ihnen die Abschlussschwäche das Leben arg schwer – weder Tomas Soucek (50.) noch Jan Boril (51.) oder Jakub Jankto (55.) konnten mit ihren Schüssen Marc-André ter Stegen in größere Schwierigkeiten bringen.

Von den Deutschen war offensiv so gut wie nichts mehr zu sehen. Weil die Aktionen größtenteils sehr durchsichtig und behäbig waren, gingen viele Bälle früh verloren. Um die deutschen Chancen in der zweiten Hälfte zu zählen, brauchte man am Ende nur einen Finger.

Traumtor für die Tschechen, Standard für die Deutschen

Ganz anders die Tschechen, die sich in der 78. Minute doch noch belohnten – und wie! Vladimir Darida zog aus gut 20 Metern ab. Sein Schuss krachte an die Unterkante der Latte und von dort ins Tor.

Bei Deutschland brachten auch die Einwechslungen von Emre Can (für Werner) und Julian Draxler (für Stindl) zunächst nichts. Und als man sich schon auf einen verdienten Punkt für die Tschechen einstellte, gab es in der 88. Minute doch noch einen Freistoß für Deutschland. Toni Kroos fand den Kopf von Mats Hummel, der den Ball ins lange Eck wuchtete.

Das DFB-Team hat nun bereits am kommenden Montag gegen Norwegen die Möglichkeit, das WM-Ticket zu lösen.

Nach Festnahmen zweier Deutscher: Merkel warnt Türkei

Erneut wurden in der Türkei zwei Deutsche festgenommen, offenbar aus politischen Gründen. Kanzlerin Merkel reagierte mit scharfer Kritik. Die Regierung müsse ihre Türkei-Politik gegebenenfalls überdenken. Andere Spitzenpolitiker forderten konkrete Konsequenzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit deutlicher Kritik auf die Festnahme zwei weiterer Deutschen in der Türkei reagiert. Festnahmen wie diese hätten in den „allermeisten Fällen keinerlei Grundlage“ und mit den „Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit“ nichts gemein, sagte die Kanzlerin bei einer Veranstaltung in Nürnberg.

Als Reaktion auf die Festnahmen kündigte Merkel ein „entschiedenes Handeln“ der Bundesregierung an. Eventuell müsse diese ihre Türkei-Politik „weiter überdenken“. Zudem bekräftigte sie ihren Entschluss, Verhandlungen über eine Ausweitung der Zollunion zwischen der Europäischen Union und Ankara zu blockieren.

Die deutschen Behörden hatten von nicht staatlichen Institutionen in der Türkei von den Festnahmen erfahren. Noch ist über die beiden Deutschen nur wenig bekannt. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin machte weder Angaben zum Alter, dem Geschlecht oder dem Beruf.

Schärfere Reisewarnungen für Türkei?

Die Regierung gehe aber davon aus, dass die Festnahme auf politischen Vorwürfen basiert, hieß es weiter. Konkret gehe es wohl um den Vorwurf des Terrorverdachts. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Dogan sollen die beiden Personen nur den deutschen Pass besitzen, aber türkische Wurzeln haben. Sie werden demnach verdächtigt der Gülen-Bewegung nahe zu stehen.

Merkels Konkurrent im Kampf um das Kanzleramt, SPD-Kandidat Martin Schulz, forderte eine klare Reaktion der Regierung in den nächsten Tagen. Er schloss neben weiteren Sanktionen auch eine Reisewarnung für die Türkei nicht aus. Reisewarnungen werden in der Regel nur für Bürgerkriegsländer ausgesprochen.

Erdogan als „Geiselnehmer“

Ein Vorschlag, den auch Christian Lindner unterstützte. „Wie lange wollen wir uns das noch ansehen?“, fragte der FDP-Chef. Er sprach sich auch dafür aus, die derzeit auf Eis gelegten Beitrittsverhandlungen zwischen EU und Türkei endgültig einzustellen.

Der Spitzenkandidat der Grünen, Cem Özdemir, richtete seine Kritik im Interview mit der „Bild“ direkt an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Özdemir bezeichnete den Staatschef als „Geiselnehmer“, der „die Würde seines Amtes mit Füßen tritt“.

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Bislang kein Kontakt zu Festgenommenen

Mit den beiden Festnahmen befinden sich derzeit insgesamt 55 Deutsche in der Türkei in haft oder in Polizeigewahrsam – zwölf von ihnen wegen politischen Vorwürfen. Die prominentesten Fälle sind die des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel – er sitzt seit 200 Tagen im Gefängnis – sowie der Journalistin Mesale Tolu und des Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner. Tolu wurde Ende April festgenommen, Steudtner Anfang Juli.

Das deutsche Generalkonsulat versucht nach Angaben des Auswärtigen Amtes derzeit, Kontakt zu den beiden Festgenommenen herzustellen. Bislang hätten die türkischen Behörden dies aber verhwehrt. Gemäß internationalen Abkommen hätte die Türkei die deutschen Institutionen nicht nur über die Festnahmen informieren müssen, da die beiden Betroffenen den deutschen Pass besitzen. Sie sind zudem dazu verpflichtet, deutschen Diplomaten Zugang zu den Festgenommenen zu gewähren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 20:00 Uhr.

UEFA leitet Prüfverfahren gegen Paris St. Germain ein

Wie die Europäische Fußball-Union UEFA am Freitagabend (01.0917) mitteilte, wurde gegen PSG ein förmliches Prüfverfahren eingeleitet.

Die Untersuchungskammer der UEFA-Finanzkontrollkammer richte ihren Fokus dabei „auf die Einhaltung des Klubs in Sachen Break-Even-Anforderungen, vor allem in Bezug auf die jüngsten Transferaktivitäten“.

Vereinfacht schreiben die Regeln vor, dass ein Klub nicht wesentlich mehr ausgeben darf, als er einnimmt. Jeweils in den drei zurückliegenden Jahren darf jeder Klub einen Verlust von bis zu 30 Millionen Euro verzeichnen, wenn ein Geldgeber diesen ausgleicht.

Neymar und Mbappé teuerste Spieler aller Zeiten

Paris hatte in den vergangenen Wochen mit gleich zwei Transfers im dreistelligen Millionenbereich für Aufsehen gesorgt. Zunächst wechselte der Brasilianer Neymar vom FC Barcelona für 222 Millionen Euro nach Paris.

Und kurz vor Transferschluss war auch der Transfer des Franzosen Kylian Mbappé von Meister AS Monaco zu PSG vollzogen worden. Der 18-Jährige wird für ein Jahr ausgeliehen, danach gibt es die Option auf einen Vierjahresvertrag bis 2022. Im Gespräch ist eine Ablöse von 180 Millionen Euro.

Paris St. Germain ist vollständig im Besitz einer Investorengruppe aus Katar.

Untersuchung dauert wahrscheinlich Monate

Für die UEFA ist das Financial Fairplay seit 2011 ein zentraler Regelungsmechanismus, der darauf abzielt, die finanzielle Nachhaltigkeit des europäischen Fußballs abzusichern. Die UEFA teilte mit, sie werde sich zu dieser Angelegenheit nicht weiter äußern, während die Untersuchungen andauern.

In den kommenden Monaten werde sich die Kammer aber regelmäßig treffen, um alle Unterlagen, die den Fall betreffen, auszuwerten.

Financial Fairplay immer wieder in der Kritik

Die möglichen Sanktionen durch die UEFA reichen von einer Ermahnung über Geldstrafen bis zu einem Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben. Der FC Malaga aus Spanien wurde 2013 von der Teilnahme an europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Große Klubs erwischte es noch nicht so hart: 2014 mussten Manchester City und Paris hohe Geldstrafen zahlen, zudem durften sie nur einen verkleinerten Kader für die Spiele in der Champions League melden.

Aufgrund der trotz der angedrohten Strafen immer weiter steigenden Ablösesummen im europäischen Fußball wird die UEFA für mangelnde Wirksamkeit des Financial Fairplays regelmäßig kritisiert.


Stand: 01.09.2017, 18:56

„Ein Präzedenzfall für Kenias Geschichte“

Kenia muss neu wählen – der Oberste Gerichtshof annullierte das Ergebnis des Urnengangs Anfang August. Die Opposition feiert die „historische Entscheidung“, Präsident Kenyatta dagegen sieht den Willen von Millionen Wählern außer Kraft gesetzt.

„Persönlich bin nicht einverstanden mit der heutigen Gerichtsentscheidung. Aber ich respektiere sie, auch wenn ich anderer Meinung bin.“ Uhuru Kenyatta war sichtlich gedrückt, nachdem der Oberste Gerichtshof Kenias seine Wiederwahl zum Präsidenten annulliert hatte.

Der Oberste Richter David Kenani Maraga hatte die Sensationsentscheidung bekannt gegeben: „Die Präsidentschaftswahl vom 8. August wurde nicht in Übereinstimmung mit der Verfassung und dem Gesetz durchgeführt.“ Die Übertragung der Ergebnisse von den Wahllokalen in die Auszählungszentrale in Nairobi sei nicht korrekt abgelaufen, hieß es in der Urteilsbegründung. Die Wahl sei damit null und nichtig und müsse innerhalb von 60 Tagen wiederholt werden.

Ein „historischer Tag“ und ein Präzedenzfall

Jubelnde Anhänger des Oppositionsführers Raila Odinga zogen daraufhin zu Tausenden durch die Straßen Nairobis und seiner Hochburgen Mombasa und Kisumu. „Die Leute sind sehr glücklich. Wir glauben, dass Raila bei der neuen Wahl gewinnen wird. Und diesmal haben wir auch Vertrauen in die Gerichte“, sagt Odinga-Anhänger Evans Mureri.

Der Oppositionsführer selbst sprach von einem „historischen Tag für das kenianische Volk“. „Zum ersten Mal in der Geschichte der afrikanischen Demokratisierung hat ein Gericht die irreguläre Wahl eines Präsidenten annulliert. Das ist ein Präzedenzfall“, betonte Odinga.

Er hatte Beschwerde gegen das offizielle Wahlergebnis eingelegt, nachdem die Wahlkommission Amtsinhaber Kenyatta zum Sieger erklärt hatte. Vor Gericht kritisierte Odinga, dass die elektronischen Auszählungsergebnisse von Hackern zugunsten seines Gegenspielers manipuliert worden seien – obwohl internationale Beobachter wie der frühere US-Außenminister John Kerry, der ehemalige Ministerpräsident Niedersachsens, David McAllister, und die Wahlkommission der Regierung attestierten, die Wahl sei weitgehend fair abgelaufen.

Der Oppositionsführer, der zum wiederholten Mal für das Präsidentenamt kandidierte, hatte schon bei vorherigen Wahlen vergeblich den Sieg für sich beansprucht und 2013 erfolglos das Wahlergebnis vor dem Obersten Gericht angefochten. Die jüngsten Wahlbetrugsvorwürfe haben das ostafrikanische Land in die tiefste politische Krise seit 2007 gestürzt.

„Sechs Millionen haben gewählt, sechs Richter haben entschieden“

Der derzeitige Präsident Kenyatta kritisierte die sechs Richter für ihr Urteil: „Millionen Kenianer haben sich angestellt und gewählt. Und sechs Leute haben entschieden, sich gegen den Willen des Volkes zu stellen.“

Tatsächlich wurde die Mehrheitsentscheidung des Supreme Courts nur von vier Richtern getragen. Zwei halten das Wahlergebnis auch nach Prüfung aller Fälschungsvorwürfe für richtig. Das sagte auch der Chef der Wahlkommission Wafula Chebukati: „Der Fokus der Entscheidung lag auf der Übertragung der Wahlergebnisse. Das heißt, es gab keine Vorwürfe gegen den Wahlprozess und die Auszählung der Stimmen. Der Wille des kenianischen Volkes wurde in vollem Umfang respektiert.“

Neue Ausschreitungen befürchtet

Chebukati versicherte trotzdem, dass die Wahlkommission alle notwendigen internen Änderungen durchführen werde, um faire und gerechte Neuwahlen zu garantieren. Für Oppositionsführer Raila Odinga ist das nicht gut genug. „Wir haben keinerlei Vertrauen in diese Wahlkommission. Sie hat Straftaten begangen. Die meisten ihrer Mitglieder gehören ins Gefängnis“, empörte sich der Opositionsführer.

Die Wahlkommission war erst auf Forderung der Opposition neu ins Amt gewählt worden – nach blutigen Protesten. Auch bei den Demonstrationen gegen das Wahlergebnis hatte es mindestens zwölf Tote gegeben. Kenyatta forderte die Bevölkerung denn auch eindringlich auf, jetzt Ruhe zu bewahren: „Meine wichtigste Botschaft heute an jeden einzelnen Kenianer ist Frieden. Wir führen keinen Krieg gegen unsere Brüder und Schwestern in der Opposition. Denn wir sind alle Kenianer.“

Mit Informationen von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 15:00 und 17:00 Uhr.

USA und Russland – Wenn einer zum Tango fehlt

Die Krise um Nordkorea ist nur ein Grund, warum die USA und Russland ein gutes Verhältnis anstreben sollten. Doch beide Seiten verlieren sich im Streit um ihre diplomatischen Vertreter im jeweils anderen Land und Präsident Trump erfüllt die Hoffnungen auf ein besseres Verhältnis nicht.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Als Donald Trump zum US-Präsident gewählt worden war, waren Überraschung und Freude groß. Es bestand die Hoffnung, dass sich Trump besser mit Präsident Wladimir Putin verstehen würde als Barack Obama.

Neun Monate später sagt Russlands Außenminister Sergej Lawrow, sein Land sei zu Kompromissen bereit, „aber wie sie wissen, braucht man zwei für einen Tango. Bislang scheint mir, dass unsere Partner immer wieder einen individuellen Breakdance aufführen.“

Lawrow vermied es jedoch, das Weiße Haus verantwortlich zu machen, auch wenn es eben das Weiße Haus war, dass am Donnerstag die Schließung des russischen Konsulats in San Francisco angeordnet hatte. Vielmehr verwies er auf Trumps Vorgänger Obama: „Diese ganze Geschichte ist von der Obama-Regierung ausgegangen, um den russisch-amerikanischen Beziehungen zu schaden.“

Er nahm damit Bezug auf die Ausweisung von 35 russischen Diplomaten, die Obama angeordnet hatte wegen russischer Einmischung in den US-Wahlkampf, von der US-Geheimdienste nach wie vor ausgehen.

Weitere Schuldige machte Lawrow aus: Der US-Kongress und die US-Führungselite versuchten, der Trump-Regierung „die Hände zu binden, eine so genannte russische Einmischung, eine Verbindung zwischen ihm und Russland, zwischen seiner Familie und Russland zu erfinden.“

Lawrow sieht Schuld nicht bei Trump

US-Präsident Trump verschonte Lawrow von Kritik, dabei wurde doch in den vergangenen Monaten deutlich, dass Trump für die russische Führung ein schwacher Partner ist. Zum einen kann der US-Präsident nicht durchregieren wie Putin in Russland. Der Kongress ist mächtig genug, Trump Vorgaben zu machen.

Auch die Minister Rex Tillerson und Jim Mattis nutzen ihre Spielräume, um zum Beispiel den Nachbarstaaten Russlands auch weiterhin US-Unterstützung zu versprechen. Mattis sprach bei seinem Besuch in Kiew kürzlich sogar die Möglichkeit an, der Ukraine Waffen zur Verteidigung zu liefern. Dies hatte Obama noch abgelehnt.

Als Nachteil erweist sich Trumps freundliche Haltung gegenüber Putin insofern, als er sich inzwischen auch Vorwürfen ausgesetzt sieht, noch während des Wahlkampfs mit Plänen für den Bau eines Trump-Towers in Moskau Geschäftsinteressen in Russland verfolgt zu haben. Und immer neue Hinweise auf Kontakte zwischen Trumps Wahlkampfteam in Richtung Russland dienen jenen als Munition, die gegen eine Annäherung an Russland sind.

Ein schwieriger Gesprächspartner

Auch wenn sich Putin und Trump persönlich gut verstehen sollten, bleibt der amtierende US-Präsident ein schwieriger Gesprächspartner. So berichteten Insider nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, dass Trump Anfang Februar beim ersten Telefonat mit Putin eine Pause einlegen musste.

Putin schlug eine Ausweitung des New-Start-Abrüstungsabkommens vor, bei dem es um die Verringerung der Atomsprengköpfe geht. Doch Trump kannte das Abkommen nicht. Nachdem Trump darüber informiert worden war, kritisierte er es, weil es Russland angeblich bevorzuge.

Auch Trumps Tweets zum Beispiel in der Krise um Nordkorea tragen nicht dazu bei, eine diplomatische Lösung zu finden, die im Interesse auch Russlands wären.

„Keine hysterischen Anfälle“

So sagte Lawrow, seine Regierung sei auch weiterhin offen für eine konstruktive Zusammenarbeit, wenn diese den russischen Interessen diene. Die Reaktion auf geforderte Schließung des russischen Konsulats in San Francisco werde entschlossen ausfallen.

Das sagte Lawrow, ohne konkretisieren, wie es weitergehen soll im Streit um die Anzahl der Diplomaten und Vertretungen im jeweils anderen Land. Diese Fehde verliert sich in immer mehr Details verliert und verzägert inhaltliche Gespräche zu anderen Themen.

Der russische Politologe Andrej Kortunow vom regierungsnahen russischen Rat für internationale Angelegenheiten warnte in der Zeitung „RBK“, Gegenmaßnahmen könnten sich zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen hochschaukeln. Daran seien aber weder Moskau noch Washington interessiert.

Der neue russische Botschafter Anatoli Antonow, eigentlich als Hardliner bekannt, sagte denn auch bei seiner Ankunft in Washington: „Jetzt müssen wir in Ruhe Ordnung schaffen, müssen ganz ruhig und professionell handeln“, und fügte hinzu: „Um mit Lenins Worten zu sprechen: Wir brauchen keine hysterischen Anfälle.“

Schulz vor TV-Duell: SPD hofft auf Trendwende

Kurz vor der Bundestagswahl liegt die CDU in Umfragen deutlich vorn. Die SPD ist sich aber sicher: Das TV-Duell wird die Wende bringen. Spitzenkandidat Schulz hat dabei nur wenige Optionen – doch die will er offensiv nutzen.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Das Zögern dauerte nicht einmal eine Sekunde. „Ich bin objektiv kein Experte im Tattoo-Stechen“, erklärte der SPD-Kanzlerkandidat. „Und in den Rechtsvoraussetzungen, wie man das machen darf. Aber ich werde mich erkundigen.“

So wie Martin Schulz im interaktiven Format „Frag selbst“ Fragen eines tätowierinteressierten Users beantwortete, so muss er jetzt auftreten: nah am Volk. Das meint Matthias Bartke, Justiziar der SPD-Bundestagsfraktion und Bruder im Schulz’schen Geiste. Deshalb ist die Sache für ihn klar: „Wenn die SPD aufholen will, muss Schulz das tun, was er am besten kann, nämlich auf die Leute zugehen. Das ist seine Stärke“, so Bartke. „Er ist sehr authentisch, wenn er mit den Leuten spricht.“

Die aktuellen Umfragen will er deshalb auch nicht für bare Münze nehmen. „Auch bei den vergangenen vier Landtagswahlen sind drei anders gelaufen, als wir es vermutet hatten. Wir leben eben derzeit in einer sehr bewegten und unruhigen Welt.“

Die Würfel sind noch nicht gefallen

Das bestätigt auch Michael Kunert von infratest dimap, der mit seinem Institut Wahlprognosen erstellt. Hinzu komme, dass die Bindung an die Parteien nachlasse. „Früher war schon oftmals durch das Milieu oder die Arbeitssituation gegeben, für welche Partei man sich entscheidet.“ Das sei mittlerweile immer seltener der Fall. „Die Schwankungen sind durch die fortschreitende Individualisierung immer größer geworden. Die Anteile der SPD in der Sonntagsfrage haben im Laufe dieses Jahres stark geschwankt – das hat es so in der Form kaum gegeben.“

Auch für den Sozialwissenschaftler Nils Diederich sind die Würfel noch nicht gefallen. „Noch hat Schulz die Chance, Unentschlossene und Nichtwähler von sich zu überzeugen. Er darf sich also nicht nur an seine eigenen Anhänger wenden, sondern er muss versuchen, bei Anhängern der Grünen, der Linken und sogar der AfD zu punkten.“

Größte Herausforderung für Schulz am Sonntag: Er muss sich einerseits als jemand verkaufen, der mit seiner Partei in der Regierung sitzt. Und anderseits als jemand, der die Regierung, allen voran die Kanzlerin, kritisiert. „Eine schwierige Gratwanderung“, urteilt SPD-Mann Bartke. Er muss klare Kante gegenüber Angela Merkel zeigen. Aber er darf dabei nicht zu aggressiv auftreten, denn aggressive Politiker, das mögen die Leute nicht.“

Gegen Schlafwagen-Rhetorik

Bei der einzigen direkten Konfrontation zwischen der Kanzlerin und dem SPD-Spitzenkandidaten am Sonntag im Ersten müsse Schulz vor allem deutlich machen, dass für ihn das Ende der Großen Koalition erreicht sei.

„Das ist der einzige Weg für ihn, wenn er im Duell überzeugen will“, meint auch Sozialwissenschaftler Diederich. „Er muss sehr deutlich machen, dass er nicht bereit ist, als Juniorpartner anzutreten und sagen: ‚Wir werden jetzt eine neue Phase einläuten.'“ Zudem müsse der SPD-Kandidat der „Schlafwagen-Rhetorik“ der Kanzlerin entgegentreten. „Ihr Ansatz lautet ja: Wir gehen einen Schritt nach dem anderen, ihr könnt euch auf uns verlassen. Und Schulz muss diese Rhetorik durchbrechen, er muss sagen: ‚Deutschland hat Probleme, und die gehe ich jetzt an'“, so Diederich.

Wahlkampfthema Soziale Gerechtigkeit

Um sowohl im linken als auch im rechten Wählerspektrum Stimmen zu gewinnen, müsse Schulz aber vor allem das Thema Sicherheit ansprechen, erklärt Diederichsen. Und zwar sowohl die innere Sicherheit als auch die Sicherheit der Arbeitsplätze. 

Doch das Wahlkampfthema der SPD lautet „Soziale Gerechtigkeit“. Schulz will Menschen in Pflege- und Erziehungsberufen stärker entlohnen und er will 48 Prozent des Gehalts als Rente garantieren, bei einer Obergrenze der Beiträge von 22 Prozent während der Erwerbstätigkeit. Er tritt für eine Bürgerversicherung ein, für gebührenfreie Bildung, und er ist dafür, Managergehälter zu deckeln. „Er muss bei dem Duell jetzt vor allem deutlich machen, dass er Gegenpositionen zur CDU vertritt, und das kurz, knapp und klar“, so Diederich.

Die Rollen sieht Diederich im Vorfeld als festgelegt. Merkel sei diejenige mit dem Vorsprung, die sich staatsmännisch gebe und jetzt nochmal in den lästigen Wahlkampf einsteigen müsse. „Dass sie jetzt so kurz vorher noch in den Urlaub fährt, ist eine fantastische Inszenierung“, so der Sozialwissenschaftler. „Insgesamt fährt sie eine unglaubliche Strategie.“

Je höher die Wahlbeteiligung, desto mehr Chancen für die SPD

Der Wahlerfolg der SPD steigt mit der Wahlbeteiligung, da sind sich alle Experten sicher. „Die Wahlbeteiligung spielt der SPD in die Hände“, davon ist auch Bartke überzeugt. Und die wiederum soll durch das TV-Duell steigen. Die politischen Positionen der Kandidaten sind bekannt, doch wie die beiden ihre Positionen verteidigen, ist für viele Wähler aufschlussreich – zeigt ihr Auftreten doch auch ein Umgang mit Stresssituationen.

Beim TV-Duell vor der Landtagswahl 2010, als in Hamburg die Bürgermeisterkandidaten Ole von Beust (CDU) und Michael Naumann (SPD) gegeneinander antreten, erlaubte sich der SPD-Kandidat bei seiner Abschlusserklärung einen schweren Blackout. „Bei Schulz“, so Wahlkampf-Unterstützer Bartke, „kann das nicht passieren, denn er lernt nichts auswendig. Er spricht aus dem Herzen.“

Ob die Herzensbotschaften des Mannes, dessen Umfragewerte in den vergangenen Monaten stark fielen, ankommen, wird das Ergebnis der Bundestagswahl am 24. September zeigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 16:00 und 17:00 Uhr. Das Erste überträgt das TV-Duell am 03. September 2017 um 20:15 Uhr.

Fall Arppe: Das Schweigen der AfD-Abgeordneten

Stand: 01.09.2017 17:22 Uhr

von Reiko Pinkert, Jan Lukas Strozyk, NDR


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Sympathien für Terrorverdächtige, Aufrufe zur Gewalt – Chat-Protokolle belasten den früheren AfD-Politiker Holger Arppe.

Auf einmal ging alles ganz schnell: Holger Arppe, Landtagsabgeordneter aus Mecklenburg-Vorpommern, ist aus der AfD ausgetreten, weil er in mehreren Chats rassistische und sexistische Äußerungen von sich gegeben haben soll. Der Fraktionssprecher im Landtag, Leif-Erik Holm, trat vor die Presse und sagte, die Aussagen seien haarsträubend bis ekelerregend und das passe nicht in die AfD. Arppe war damit politisch erledigt. Die Partei bemühte sich, den Fall Arppe als Einzelfall darzustellen.




Parteien fordern völligen Rückzug von Arppe

NDR//Aktuell

Nach seinem Rücktritt als AfD-Fraktionsvize in MV und dem Parteiaustritt soll Holger Arppe nach Ansicht von SPD, CDU und Linken auch sein Landtags-Mandat niederlegen.

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Mehrere Parteimitglieder an Chat-Gesprächen beteiligt gewesen

Die Dokumente, die dem NDR und der Berliner „taz“ vorliegen, zeichnen jedoch ein anderes Bild. Zum Teil sprachen in den Gruppen offenbar zehn bis zwölf Parteimitglieder und Sympathisanten miteinander. Viele davon lasen Teile der Aussagen von Holger Arppe, darunter unter anderem auch seine heutigen Landtags-Kollegen Sandro Hersel und Thomas de Jesus Fernandes. Eines der Gespräche, wegen denen Arppe nun zurückgetreten ist, fand im August 2014 statt. Arppe hatte sich offenbar geärgert, der Grund war damals, dass sein Bruder eine Absage auf eine Bewerbung bekommen hatte. Arppe vermutete, dass die Gleichstellungsbeauftragte schuld gewesen sei.

Ein Gespräch zwischen Arppe, Hersel und Fernandes


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Neben Arppe waren auch andere AfD-Politiker wie etwa Thomas de Jesus Fernandes an den Chats beteiligt.

Es entspann sich ein Gespräch: Holger Arppe: „Da kann man doch wirklich zu dem Schluss kommen, dass es besser ist, man wandert aus diesem völlig versifften Land aus und überlässt die Bundesrepublik ihrem Schicksal.“ Sandro Hersel: „Da kann man nur zum Nazi werden.“ Holger Arppe: „Ich kann mir jetzt erklären, warum Revolutionen immer so blutig verliefen. Da muss man einfach ausrasten und erstmal das ganze rotgrüne Geschmeiß aufs Schafott schicken. Und dann das Fallbeil hoch und runter, dass die Schwarte kracht!“ Thomas de Jesus Fernandes: „Du weißt aber schon das dieses Rotgrüne Geschmeiß trotz ihrer Abartigkeit nur willfähige [sic]* Erfüllungsgehilfen sind.“

Fernandes: Eigentümliche Erklärungsversuche

Eine denkwürdige Unterhaltung, handelt es sich bei den drei Sprechenden immerhin um Landtagsabgeordnete einer Partei, die Fernandes in einer Mail an den NDR als „durch und durch demokratisch“ bezeichnet. Noch denkwürdiger ist allerdings die Erklärung von Fernandes zu seiner Aussage: „Mit der Aussage ‚Du weißt aber schon das dieses Rotgrüne Geschmeiß trotz ihrer Abartigkeit nur willfähige Erfüllungsgehilfen sind‘ habe ich Herrn Arppe doch klar gemacht das das [sic] so nicht geht und sie quasi in Schutz genommen.“ Hersel wollte sich zu konkreten Aussagen nicht äußern. Allgemein erklärt er: „Vielleicht fällt Ihnen bei der Durchsicht der Protokolle auf, dass ich regelmäßig zu teilweise derbem Sarkasmus neige und wer noch nie einen geschmacklosen Witz im Freundeskreis erzählte, werfe bitte den ersten Stein.“

Videos und Audios

01.09.2017 14:00 Uhr

NDR//Aktuell

31.08.2017 19:30 Uhr

Nordmagazin

28.08.2017 19:30 Uhr

Nordmagazin

29.08.2017 19:30 Uhr

Nordmagazin

01.09.2016 19:30 Uhr

Nordmagazin

Brennende Flüchtlingsheime als Akt der Verzweiflung

Zu den Witzen von Hersel, das zeigen die Protokolle, gehören offenbar immer wieder auch Nazi-Sprüche und Hitler-Vergleiche. Als es im November 2015 um die Suche von Sicherheitskräften bei einer AfD-Veranstaltung geht, sagte Hersel, die Männer sollten „groß, kahl und tättowiert“ sein, eine Vorstrafe solle „Voraussetzung“ sein. In der Diskussion um Angriffe auf Flüchtlingsheime schreibt Hersel im April 2015: „wir brauchen mal den Mut, die Meinung umgekehrt [sic]. Brennende Flüchtingsheime sind kein Akt der Aggression, sondern eine Akt der Verzweiflung gegen Beschlüsse von oben.“

„Ich will sie hängen sehen“

Im selben Chat, in dem Arppe sich das „Schafott“ für das „Rot-Grüne Geschmeiß“ wünscht, verfällt er kurz darauf in eine Gewaltfantasie: „Ich will sie hängen sehen… alle einzeln. Mein Bruder wird auswandern müssen, wenn er einen Job finden will. Das verdanken wir diesen widerlichen grünen Bolschewisten. Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.“ Und wie reagieren Hersel und Fernandes in dem Chat? Schweigen. Kein Widerspruch.

Die Chats des Ex-AfD-Politikers Arppe

Ein anderes AfD-Mitglied, in einem Pressebericht als „moderat“ beschrieben, stachelt ihn sogar an. Gemeinsam stellen die Männer sich vor, wie ihre politischen Gegner an Bäumen aufgehängt sind und auf Kisten stehen. Dann, so die Vorstellung der Männer, fährt der eine mit einem Motorrad an ihnen vorbei, Arppe sitzt hinten drauf und tritt die Kisten unter den Füßen der Gehängten weg. „Ein Baum, eine Kiste und drei Meter Seil. Dann mi [sic] dem Motorrad vorbeifahren und die Dinger umtreten. Im Rückspiegel sieht man dieses Gesochs [sic] dann noch zappeln“, schreibt Arppe. Eine Reaktion von Hersel und Fernandes findet sich in den Unterlagen nicht. Einige Stunden später meldete sich Fernandes dann doch noch in der Gruppe. „Die Sonne lacht!“, schreibt er. „Ja es wird ein guter Tag“, antwortet ein anderes AfD-Mitglied.

Weitere Informationen

Aufgrund einer NDR Recherche hat der Vize-Fraktionschef der AfD im Schweriner Landtag, Holger Arppe, die Partei verlassen. Er hatte im Internet Ausländer und politische Gegner übel beschimpft. (31.08.2017)
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Arppe will Strafanzeige stellen

Holger Arppe will nun Strafanzeige gegen unbekannt stellen. In einer Presseerklärung teilte er mit, dass es sich bei der Berichterstattung über die Chat-Protokolle um eine „inszenierte Kampagne“ handle. Dagegen werde er „alle presserechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“. Eine weitere NDR Anfrage ließ Arppe unbeantwortet.

Kontrollgremium will Spuren auf Terrornetzwerk nachgehen

Unterdessen will man sich auch in Berlin mit dem Ex-AfD-Mitglied Arppe beschäftigen. Der stellvertretende Vorsitzende des parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr), André Hahn, erklärte, er habe sowohl die Terrorrazzia vom vergangenen Montag in Rostock als auch die Berichte rund um den ehemaligen AfD-Abgeordneten Arppe mit höchster Dringlichkeit auf die Tagesordnung des PKGr setzen lassen. „Die Bundesregierung muss dringend die Frage beantworten, ob sich nicht neuerlich rechte Terrornetzwerke gebildet haben, die womöglich vom Untergrund bis hin zu Anwälten, Soldaten und Polizisten reichen“, so Hahn weiter.

* Die Chat-Protokolle enthalten viele Rechtschreib- und Grammatikfehler. Um die Echtheit zu dokumentieren, hat die Redaktion auf Korrekturen verzichtet.

Weitere Informationen

Die Chat-Aussagen des Ex-AfD-Fraktionvizes Arppe stoßen auf eine breite Front der Empörung. Arppe müsse nun auch sein Landtagsmandat abgeben. Ministerpräsidentin Schwesig zeigte sich schockiert. (01.09.2017)
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Eine NDR Recherche hat zum Rückzug des AfD-Vizefraktionschefs im Schweriner Landtag, Holger Arppe, geführt. Der 44-Jährige hat seinen Austritt aus Fraktion und Partei angekündigt. (31.08.2017)
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Die Antiterror-Durchsuchungen vor einigen Tagen in MV gehen auf Hinweise aus Ermittlungen gegen den terrorverdächtigen Bundeswehroffizier Franco A. zurück, berichten Medien. (31.08.2017)
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In Demmin hat die AfD auf einem Bürgerforum um Stimmen für die Bundestagswahl geworben. Bundessprecherin Frauke Petry forderte eine Reform des Asylrechts und kritisierte staatliche Subventionen. (27.08.2017)
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AfD-Landeschef Holm will im Herbst für den Bundestag kandidieren und im Wahlkreis der Kanzlerin antreten. Obwohl Merkel dort seit 1990 stets das Direktmandat holte, sieht die AfD Chancen. (18.01.2017)
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Nach der Anzeige gegen seine Person gibt sich der AfD-Politiker Gauland gelassen. Vor zwei Jahren hatte allerdings die AfD selbst Anzeige erstattet: wegen des Begriffs „entsorgen“. (tagesschau.de)
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01.09.2017 | 17:00 Uhr

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Kommentar zur Bundeswehr: Unbefriedigende Erklärungen

Der Bericht zum Tod des Bundeswehr-Rekruten in Munster bleibt in zentralen Punkten unklar – in anderen wirkt er kurios. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Autoren bewusst nachsichtig mit ihren Kameraden umgegangen sind.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio

Was ist da schief gelaufen am 19. Juli in Munster? Wie kann es passieren, dass gleich vier Personen bei einem Marsch kollabieren, einer stirbt und einer nach wie vor im Krankenhaus liegt? Die Bundeswehr hat dazu einen Bericht veröffentlicht, der auf 42 Seiten sehr genau ausleuchtet, was geschehen ist und vor allem warum.

Das Heer macht mit dieser Untersuchung deutlich, dass die Bereitschaft vorhanden ist, wirklich Antworten zu finden. Das Wetter wird bewertet, die Bundeswehr vermaß, wie viel des Marschweges im Schatten lag, ob die betroffenen Soldaten gesund waren, wie die Befehlslage war, wie die Vorgesetzten agierten und so weiter.

Deutlich wird: Eine einzelne Ursache für die tragischen Vorfälle gibt es nicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Die Bundeswehr untersucht, ob Vorgesetzte Fehler gemacht haben.

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Wo waren die Führungskräfte?

Trotzdem lassen sich erste Schlüsse ziehen. Ja, an mehreren Punkten haben Vorgesetzte Fehler gemacht. Mehrere Führungskräfte waren im Urlaub. Der Bericht kommt zu dem Schluss, es habe ein „Vakuum bei der Dienstaufsicht“ geherrscht. Das ist eine unbefriedigende Erklärung. Wieso haben so viele Führungskräfte gleichzeitig frei und gibt es keine Stellvertreter, die in der Lage sind, eine Übung ohne Zwischenfälle durchzuführen?

Das Ausbildungskonzept sah für die Offiziersanwärter einen Eingewöhnungsmarsch vor. Sechs Kilometer – das ist eine überschaubare Strecke. Doch weil mehrere Soldatinnen und Soldaten Ausrüstungsgegenstände vergessen hatten, musste sie zurück zur Kaserne laufen – die Strecke wurde deutlich länger. Die Ausbilder ließen auch Liegestütze machen und befahlen Laufschritt.

Das widerspreche der Zielsetzung eines Eingewöhnungsmarsches, heißt es in dem Bericht und sei künftig zu unterlassen. Klingt harmlos, wirft aber den Verdacht auf, dass die Ausbilder die Offiziersanwärter schikaniert haben. Schikanöses Verhalten könnte eine Rolle gespielt haben, sagt auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages.

Bewusst nachsichtig?

Der Bericht bleibt an dieser Stelle unklar. Es drängt sich sogar der Eindruck auf, dass die Autoren bewusst nachsichtig mit ihren Kameraden umgegangen sind. Wohlgemerkt: Nicht nachlässig in der Aufarbeitung aber sehr vorsichtig bei der Suche nach Verantwortlichkeit.

Etwas wunderlich wirkt es, wenn die Verfasser des Berichtes erörtern, ob kontrolliert werden müsste, dass die Offiziersanwärter vor dem Übungsmarsch ordentlich gefrühstückt haben. Hier deutet sich an, dass die Bundeswehr manches Mal im Spannungsfeld von Befehl und Gehorsam den gesunden Menschenverstand vergisst.

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Schutz vor GAU: Run auf Jodtabletten bleibt in Aachen aus

Zu Tausenden haben sich die Menschen in der Region Aachen mit Bezugsscheinen für Jodtabletten eingedeckt. Doch in die Apotheken gehen sie noch nicht. Die Tabletten sollen im Falles eines GAUs helfen.

Von Philipp Wundersee und Dorothee Sauerland, WDR

Im deutsch-belgischen Grenzland übt man sich heute in Gelassenheit. Es ist ein traumhafter Spätsommertag, die Cafés vor dem Rathaus in Aachen sind voll. Eine junge Mutter, ihr Baby schläft im Tragetuch, ist gut informiert. Sie wisse, wie sie an den Bezugsschein für die Jodtabletten komme, aber sie habe es nicht eilig.

Dabei sitzt sie im Café gleich neben der Karls-Apotheke, der ältesten in Aachen. Seit der Öffnung um 8.30 Uhr habe sie hier nur wenige Bezugsscheine entgegengenommen, sagt Rebecca Dawel. Die pharmazeutisch-technische Assistentin musste bei der Ausgabe kaum Fragen beantworten. „Die Menschen wissen gut Bescheid, ich erkläre natürlich alles. Aber es ist nichts Neues für die Kunden, die Jodtabletten wollen.“

Wie Jodtabletten helfen

Professor Lutz Freudenberg ist Nuklearmediziner aus Grevenbroich und hat viel zur Schilddrüse und zur nuklearen Strahlung geforscht. Jodtabletten hält er generell für eine gute Maßnahme, da radioaktives Jod in die Schilddrüse geht und gerade Kinder und junge Erwachsene stark gefährdet: „In den Tabletten steckt das Fünfhundertfache des Tagesbedarfs. Die Schilddrüse wird mit Jod überflutet und die Schilddrüse praktisch blockiert.“

Dadurch werde das radioaktive Jod wieder ausgeschieden. Wichtig sei der richtige Zeitpunkt der Einnahme der Tabletten, sagt Freudenberg: „Es ist sinnvoll, bei einem Fallout 48 Stunden vorher bis 8 Stunden nachher eine Jod-Blockade durchzuführen. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt.“

Polens Erfolg nach Tschernobyl

So habe es Polen 1986 nach dem Unglück von Tschernobyl geschafft, eine Jodlösung an Kinder und Jugendliche im Land zu verteilen. Da habe es keine Zunahme an Schilddrüsenkrebs gegeben. In Weißrussland, wo diese Jodlösung nicht verteilt wurde, seien die Zahlen stark gestiegen.

Man könne mit den Tabletten aber auch mehr Schaden anrichten als Nutzen: „Je jünger der Mensch desto sinnvoller ist die Einnahme. Ist man über 45 Jahre alt, hat man ein hohes Risiko, dass die Schilddrüse nicht mehr gut funktioniert. Knotenbildungen, Entzündungen, Fehlfunktionen – bei vielen dieser Erkrankungen könnte nach einer Einnahme von Tabletten eine Überfunktion der Schilddrüse ausgelöst werden. Das führt im Alter zu einer Herzrhythmusstörung.“

Jodtabletten schützen nur teilweise

Für Lutz Freudenberg sind die Tabletten zwar generell eine sinnvolle Maßnahme, absolute Sicherheit bedeuteten sie aber nicht. „Das radioaktive Jod stellt nur ein Bruchteil des Problems dar. Aber was sonst freigesetzt wird an Radioaktivität, was zu einer Kontamination von Menschen selbst und der Nahrung führt, da haben sie keine Chance, sich zu schützen.“

Henning Meier kauft in der Aachener Apotheke Pflaster. Mit 39 Jahren hätte er Anspruch auf die kostenlosen Tabletten. „Vielleicht komme ich am Wochenende dazu, den Bezugsschein für mich und meine Familie runterzuladen“, sagt er. Ja, wichtig und sinnvoll sei das allemal. Aber: „Wissen Sie, wenn das Ding in Tihange uns wirklich um die Ohren fliegt, dann ist doch sowieso mit einem Schlag alles anders.“

Ein Schutz, den offensichtlich doch viele haben wollen: Die Städte in der Region melden, dass am Vormittag mehrere Tausend Bezugsscheine runtergeladen wurden. „Und irgendwann werden die dann auch bei uns ankommen“, sagt Rebecca Dawel von der Karls-Apotheke.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 14:00 und 17:00 Uhr.