„Irma“ wütet länger als erwartet in Kuba

Überraschend lange wütete „Irma“ in Kuba. Jeder fünfte Einwohner wurde evakuiert. Der Hurrikan sorgte auf der Karibikinsel für schwere Schäden und Überschwemmungen. Dabei verlor „Irma“ viel Kraft – eine Hoffnung für Florida?

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Viel heftiger als von Meteorologen erwartet, traf Hurrikan „Irma“ Kuba: Der Wirbelsturm schlug zwar in der Inselmitte ein – genau wie vorhergesagt – blieb aber viel länger und bewegte sich langsamer als in den vergangenen Tagen in Richtung Westen, immer an der Küste entlang, so als hielte er sich an Kuba fest.

Dabei entlud der Hurrikan seine zerstörerische Energie: Sturmböen von bis zu 250 Kilometern pro Stunde entwurzelten Bäume, knickten Strommasten um und rissen Häuser nieder. Vor allem in den Provinzen Villa Clara und Matanzas wütete Irma ausdauernd und mit seiner ganzen Kraft: Dort sind die Schäden in der Landwirtschaft extrem, die Überschwemmungen heftig. Schulen sind zerstört, auch Straßen und Brücken beschädigt.

Touristen wurden evakuiert

Infrastrukturschäden sind besonders bitter für Kuba, weil das kommunistisch regierte Land sehr arm ist. Wirtschaftlich ist Kuba seit Jahrzehnten durch ein US-Embargo isoliert. Wichtigste Einnahmequelle ist derzeit der Tourismus. Die vielen Touristen an den Karibikstränden wurden vor Hurrikan „Irma“ in Sicherheit gebracht. Allein in Varadero sollen es 14.500 Menschen sein.

Die Einheimischen befolgen sehr diszipliniert die Anweisungen ihrer Behörden und suchen im Falle schwerer Wirbelstürme sichere Unterkünfte auf. Dieses Mal mussten zwei Millionen Kubaner ihre Häuser verlassen – das ist fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Kubas Leid – Floridas Glück?

Auch die Hauptstadt Havanna im Westen der langgezogenen Insel war – anders als erwartet – betroffen, weil Hurrikan „Irma“ überraschend weit nach Westen vorrückte, anstatt nach Norden abzudrehen. Kurzfristig mussten 10.000 Bewohner von Häusern an der Uferstraße Malecon und wassernaher Wohnviertel in Notunterkünfte gehen.

„Irma“ hat viel von seiner zerstörerischen Kraft in Kuba gelassen. Er kam als Wirbelsturm der Kategorie 5 und zog weiter mit Stufe 3. Je länger ein Hurrikan Landkontakt hat, umso schwächer wird er. Kubas Leid könnte somit Floridas Glück werden.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 und NDR Info am 10. September 2017 um 09:00 Uhr.

Rohingya rufen Waffenruhe aus

Konflikt in Myanmar: Rohingya rufen Waffenruhe aus | tagesschau.de

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Stand: 10.09.2017 07:24 Uhr

Fast 300.000 Rohingya sind in den vergangenen zwei Wochen vor Kämpfen aus Myanmar geflohen. Die Muslime beklagen ethnische Säuberungen. Nun könnte sich der Konflikt etwas entspannen: Die Rohingya-Rebellen wollen die Waffen schweigen lassen.

Nach gut zweiwöchigen Kämpfen in Myanmar haben die Rohingya-Rebellen einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen. Die humanitäre Feuerpause solle einen Monat lang gelten, teilten die Aufständischen bei Twitter mit. Damit sollten Hilfslieferungen für die Not leidenden Menschen in dem nordwestlichen Bundesstaat Rakhine ermöglicht werden.

Die Rebellen riefen alle Verantwortlichen auf, Hilfsgüter in die Region zu liefern. Dies müsse „unabhängig vom ethnischen oder religiösen Hintergrund“ der Menschen erfolgen, forderten sie.

Die Regierung Myanmars hatte zuvor erstmals Hilfen für die Rohingya in Aussicht gestellt. Sie sagte humanitäre und medizinische Unterstützung durch Rot-Kreuz-Mitarbeiter zu, wie die Staatszeitung „Das Globale Neue Licht von Myanmar“ berichtete. Bis dahin hatte die Regierung von einem notwendigen Kampf gegen Terroristen gesprochen.

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„Räumungsoperationen“ nach Überfall auf Polizisten

Die Rebellen der muslimischen Minderheit kämpfen in Rakhine gegen die Streitkräfte von Myanmar. Die Auseinandersetzung hatte begonnen, nachdem Rohingya-Aufständische Polizeiposten angegriffen hatten. Das Militär reagierte daraufhin mit „Räumungsoperationen“, um Kämpfer zu vertreiben, die sich in Dörfern versteckten. Das Vorgehen des Militärs gegen die Rohingya hatte Empörung quer durch die muslimische Welt ausgelöst.

Durch die Kämpfe wurden Hunderte Menschen getötet. Nach UN-Angaben flohen 290.000 Menschen vor der Gewalt ins Nachbarland Bangladesch. Die Rohingya gelten als eine der am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. Weite Teile der buddhistischen Mehrheit in Myanmar betrachten sie als illegale, staatenlose Einwanderer aus Bangladesch, obwohl viele der Rohingya schon seit Generationen in Myanmar leben.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 am 10. September 2017 um 09:00 Uhr.

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Florida spürt die Vorboten von Hurrikan „Irma“

Heftige Regenfälle, starke Winde – das sind die Vorboten von Hurrikan „Irma“, die Florida jetzt schon zu spüren bekommt. Tausende Menschen haben sich in Notunterkünfte begeben, vielerorts ist der Strom ausgefallen. In Kuba führte „Irma“ zu Überschwemmungen.

Mit starken Winden und heftigen Regenfällen haben die ersten Ausläufer von Hurrikan „Irma“ den US-Bundesstaat Florida erreicht. Mehr als 76.000 Menschen in verschiedenen Teilen des Bundesstaates waren bereits am Samstagabend (Ortszeit) ohne Strom, wie Gouverneur Rick Scott bei einer Pressekonferenz sagte. Experten schätzen, dass mehr als eine Million Menschen ohne Strom sein könnten, wenn der Hurrikan Florida durchquert hat.

Nach den Vorhersagen soll der Hurrikan am Sonntagmittag MESZ mit sintflutartigen Regenfällen, Sturzfluten, Tornados und Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern pro Stunde auf Florida treffen.

6,3 Millionen Menschen sollen Häuser verlassen

Mindestens 6,3 Millionen Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Das entspricht rund 30 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates. Mehr als 70.000 Menschen hatten sich am Samstagabend (Ortszeit) bereits in die rund 385 Schutzräume im Bundesstaat begeben.

Der Sturm verlor bei seinem Zug über den Norden Kubas zwar etwas an Kraft und wurde in die Kategorie 3 der fünfstufigen Skala herabgestuft, blieb aber extrem gefährlich. Der Sturm bewege sich derzeit von Kuba Richtung Norden, teilte das Nationale Hurrikan-Zentrum mit.

Nach den Vorhersagen könnte das Zentrum von „Irma“ zu Tagesanbruch Ortszeit (Sonntagmittag MESZ) auf der Inselgruppe der Florida Keys an Land treffen, bevor der Sturm weiter in Richtung des Festlandes zieht.

Neue Richtung: Tampa und St. Petersburg

Anders als in den vergangenen Tagen prognostiziert wird er dann wohl nicht Richtung Miami ziehen, sondern an der Westküste Floridas entlang auf die beiden Städte Tampa und St. Petersburg zusteuern. Die Gegend mit ihren drei Millionen Einwohnern wurde seit fast einem Jahrhundert nicht mehr direkt von einem großen Hurrikan getroffen.

„Sie müssen weg, nicht heute Abend, nicht in einer Stunde, jetzt sofort“, appellierte Gouverneur Scott an die Bewohner in den betroffenen Gebieten.

Dass „Irma“ den Kurs änderte, traf viele entlang der Golfküste unvorbereitet. Zunächst hatten nur wenige Bewohner und Ladenbesitzer in St. Petersburg ihre Fensterfronten verbarrikadiert. „Fünf Tage lang sagten sie uns, dass er an der Ostküste sein wird, und jetzt, 24 Stunden, bevor er uns trifft, wird uns gesagt, er kommt die Westküste rauf“, sagte der 52-jährige Jeff Beerbohm verärgert über die Prognosen.

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Überschwemmungen in Kuba

An der Nordküste von Kuba richtete „Irma“ Überschwemmungen, schwere Schäden und Stromausfälle an. Nach Angaben des kubanischen Wetterdienstes löste der Wirbelsturm bis zu sieben Meter hohe Wellen aus. „Irma“ betreffe das gesamte Staatsgebiet Kubas. Laut Fernsehberichten waren weite Teile des Zentrums und des Ostens der Insel ohne Strom.

Notfallnummern des Auswärtigen Amtes

Das Auswärtige Amt in Berlin schaltete angesichts des Hurrikans Notfallnummern. Wie das Ministerium mitteilte, ist für Anrufer aus Deutschland die Telefonnummer 030/50003000 geschaltet. Für Anrufer aus den USA sei die deutsche Botschaft in Washington unter 001202/2984000 zu erreichen.

Beide Telefonnummern seien ab sofort rund um die Uhr geschaltet. Die Bundesregierung stehe in engem Kontakt mit den US-Behörden und habe vor Ort ihre Krisenkapazitäten hochgefahren, erklärte das Auswärtige Amt. An der Botschaft in der Hauptstadt Washington sei ein Krisenstab eingerichtet worden, in Atlanta gebe es einen regionalen Krisenstab. Auch in Berlin wird der Krisenstab tagen.

Offenbar 11.000 syrische Blankopässe vom IS erbeutet

„Bild am Sonntag“: Offenbar 11.000 syrische Pässe beim IS | tagesschau.de

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Stand: 10.09.2017 03:14 Uhr

Die IS-Miliz soll in Syrien etwa 11.000 Blankopässe erbeutet haben – davon gehen laut „Bild am Sonntag“ die deutschen Sicherheitsbehörden aus. Sie fahnden auch deshalb nach den Dokumenten, da der IS auf diese Weise Kämpfer nach Deutschland einschleusen könnte.

Deutsche Sicherheitsbehörden fahnden einem Medienbericht zufolge nach 11.100 syrischen Blankopässen. Diese sollen von der radikal-islamischen Terrormiliz im syrischen Bürgerkrieg erbeutet worden sein, berichtet die „Bild am Sonntag“. Sie beruft sich auf ihr vorliegende vertrauliche Unterlagen des Bundeskriminalamts, des Bundesinnenministeriums und des Bundespolizeipräsidiums. Dem BKA liegen demnach die Seriennummern der Pässe vor.

Den Unterlagen zufolge überprüfte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für 2015 in Deutschland nachträglich insgesamt 18.722 Pässe wegen Auffälligkeiten, bis Ende Oktober 2016 insgesamt 81.301. Für 2015 seien 800 und 2016 insgesamt 8625 Fälschungen entdeckt worden.

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Droht Wahlbetrug in Deutschland?

Die AfD und neurechte Kreise warnen vor Manipulationen und Fälschungen bei der Bundestagswahl und fordern zur Wahlbeobachtung auf. Wie berechtigt sind solche Warnungen, was unterscheidet die Bundesrepublik von autoritären Regimen?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Wenn sich wenige Tage nach der Bundestagswahl das neu gewählte Parlament konstituiert, dann soll sich in der Verteilung der Mandate der Wille des Volkes widerspiegeln. Gäbe es Zweifel an der Korrektheit der Ergebnisse, wäre die Legitimation von Parlament und Regierung in Frage gestellt.

Dass ein fairer Wahlkampf und ein korrektes Auszählen der Stimmen am Wahlabend aber nicht garantiert seien, davor warnt die AfD und ruft ihre Mitglieder und Anhänger auf, sich als Wahlhelfer und Wahlbeobachter zu engagieren und Verstöße zu melden. Auch die Initiative „Ein Prozent“ aus dem Umfeld der neurechten identitären Bewegung und des Publizisten Götz Kubitschek fordern Gleichgesinnte auf, am Wahltag aktiv zu werden.

AfD-Beschwerden nicht ausschlaggebend

Einen Erfolgt glaubte AfD-Chefin Frauke Petry bereits für sich verbuchen zu können: Ein Expertenteam der OSZE-Unterorganisation ODIHR kommt zur Wahlbeobachtung in die Bundesrepublik. Als „tollen Erfolg mit Signalwirkung“ feierte Petry dies. Die OSZE habe damit einer Bitte der AfD entsprochen, die ihr Anliegen mit einer Dokumentation zu Attacken auf AfD-Mitglieder und Veranstaltungen der Partei untermauert hatte.

Diese Beschwerden nehmen die ODIHR-Experten zwar ernst. Jedoch waren diese nicht allein ausschlaggebend für die Entscheidung.

Was Petry und andere implizieren: In der Bundesrepublik gehe es nicht besser zu als in autoritär regierten Staaten mit gezielten Wahlmanipulationen zugunsten des Regierungslagers. Ob dies stimmt, lässt sich an drei Aspekten überprüfen: den gesetzlichen Bestimmungen zum Wahlsystem, der Wahlkampfphase und dem Wahltag selbst.

Die Basis: Das Wahlsystem

Die Wahlgesetze sollen freie, transparente und faire Wahlen sicherstellen. Ziel ist es aber oft auch, in den Volksvertretungen stabile und handlungsfähige Mehrheiten zu erzeugen. Daher gilt bei Bundestagswahlen eine Fünf-Prozent-Hürde. Autoritäre Regime kontrollieren den Zugang für Kandidaten und Parteien mit dem Ziel, dass nur noch die Regierungspartei und „systemtreue“ Parteien in das Parlament gelangen können. Oft haben es Oppositionelle schon schwer, überhaupt als Kandidaten zugelassen zu werden.

Auch das deutsche Wahlrecht sieht Zulassungshürden vor, die bei der Bundestagswahl 2017 allerdings 48 Parteien überspringen konnten, von denen letztlich 42 mit Landeslisten oder Direktkandidaten zur Wahl stehen. Bundesweit kandidieren 3428 Männer und 1400 Frauen für den Bundestag – fast die Hälfte von ihnen tritt für Parteien an, die derzeit nicht im Parlament vertreten sind.

Für die Bundesrepublik stellten ODIHR-Experten in einem Bericht vom 1. August fest: „Der gesetzliche Rahmen bietet eine solide Basis für die Durchführung authentischer, demokratischer Wahlen.“ Alle Gesprächspartner der ODIHR-Experten hätten Vertrauen in die Gesetzgebung zur Steuerung der Bundestagswahlen geäußert.

Vor der Bundestagswahl 2013 war die Wahlgesetzgebung auch auf Empfehlung von ODIHR geändert worden. So wurde es Parteien oder Vereinigungen ermöglicht, Einspruch gegen eine Ablehnung der Zulassung zur Wahl einzulegen. Nicht berücksichtigt worden war jedoch die Empfehlung, die Regeln für die Wahlkreisgestaltung strenger auszulegen. Kritisiert wird zudem die Transparenz der Wahlkampffinanzierung.

Chancengleichheit im Wahlkampf

Die Wochen vor der Wahl sind in autoritär regierten Staaten durch hohen Druck und Stimmungsmache regierungsnaher Medien gekennzeichnet: Die Opposition wird massiv diskreditiert oder kommt gar nicht zu Wort. Staatsbedienstete müssen an Wahlkampfkundgebungen teilnehmen, Dorfbewohner werden gegen ein kleines Entgelt zu solchen Veranstaltungen gebracht. Typischerweise nutzen Regierungsparteien finanzielle Ressourcen des Staates zur Wählerbeeinflussung.

„Wahlgeschenke“ sind allerdings auch in Deutschland ein Thema. So wurde kürzlich darüber diskutiert, inwieweit die Große Koalition der insolventen „Air Berlin“ auch aus wahlkampftaktischen Gründen einen Kredit gewährte.

Die Wahlkampfumgebung in Deutschland insgesamt beschrieben die ODIHR-Experten in ihrem aktuellen Bericht mit Verweis auf die Aussagen ihrer Gesprächspartner als offen und frei. Die Berichterstattung über die Wahlen sei ausgewogen, die Medienlandschaft durch Vielfalt gekennzeichnet. Alle Parteien haben zudem das festgeschriebene Recht, ihre Wahlwerbespots kostenlos im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und zum Selbstkostenpreis bei Privatsendern zu senden.

Allerdings zitieren die ODIHR-Experten auch Bedenken einiger Gesprächspartner: Eine nicht im Parlament vertretene Partei – offensichtlich die AfD – habe eine „stigmatisierende“ Berichterstattung beklagt. Auch sei von politisch motivierten Vorfällen inklusive körperlicher Angriffe berichtet worden – dies in Bezug auf die AfD, aber auch mit dem Hinweis, dass das Bundesinnenministerium für 2016 einen Anstieg politisch motivierter Straftaten im gesamten politischen Spektrum um 6,6 Prozent festgestellt habe.

Im Karussell Stimmen sichern

Wenn sich über die Gesetzgebung und im Wahlkampf bereits viel entscheiden lässt, so bleibt der Prozess der Stimmabgabe und -zählung die sensibelste Phase des Wahlprozesses.

Autoritäre Regime sorgen beispielsweise durch Stimmenkauf für ein passendes Ergebnis. Um sicher zu gehen, dass die Wähler ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen, gibt es die Karussell-Variante: Der Wähler wird mit einem ausgefüllten Wahlzettel in das Wahllokal geschickt und muss seinen leeren mitbringen. Inzwischen gilt auch der „Handybeweis“: ein Foto vom Kreuz auf dem Wahlzettel.

In Deutschland sind Film- und Fotoaufnahmen in der Wahlkabine dagegen ausdrücklich verboten. Wenn Wahlvorstände einen Wähler dabei erwischen, müssen sie die Annahme des Stimmzettels verweigern.

Wenn es kritisch wird …

Nach Schließung der Wahllokale kommt es auf die gewissenhafte Arbeit der Wahlhelfer und Wahlkommissionen an. Diesen Prozess versuchen internationale und lokale Wahlbeobachter möglichst genau zu verfolgen. Regierungen wie jene von Aserbaidschan setzen jedoch lokale Organisationen unter Druck und wollen nur wenige Beobachter ins Land lassen. Das führte im Fall der Parlamentswahl 2015 dazu, dass die OSZE ihre Beobachtermission absagte.

In der Bundesrepublik kann dagegen jedermann sowohl die Wahl selbst als auch die Auszählung in den Wahllokalen verfolgen – und zwar jederzeit ohne Anmeldung oder sonstige Hürden. Das Prinzip der Öffentlichkeit ist in der Bundeswahlordnung festgeschrieben – damit kann praktisch jeder als Wahlbeobachter tätig werden, auch für ausländische Bürger und Organisationen gibt es keinerlei Einschränkungen. Außerdem gibt es für Bundesbürger die Möglichkeit, sich als Wahlhelfer zu bewerben.

ODIHR schickt zur Bundestagswahl ein Team von drei bis fünf Experten. Eine größere Mission wäre organisiert worden, „wenn es begründete Zweifel an einer korrekten Auszählung gibt. Dies war hier just nicht der Fall“, erläutert Michael Georg Link. Er war bis Ende Juni Chef von ODIHR. Die von der AfD vorgebrachten Argumente seien offensichtlich nicht ausreichend gewesen, so Link.

Unregelmäßigkeiten und Betrug

Dennoch gab es auch in der Bundesrepublik Unregelmäßigkeiten und Betrug, die bei Aufdeckung allerdings hart bestraft wurden. So wurde ein ehemaliger CDU-Stadtrat im sachsen-anhaltinischen Stendal im März zu zweieinhalb Jahren Haft wegen Wahl- und Urkundenfälschung verurteilt. Im Prozess hatte er zugegeben, Briefwahlvollmachten manipuliert zu haben.

Der Politologe Everhard Holtmann von der Universität Halle-Wittenberg sagte, solche Fälle seien „extrem selten“, auch wenn bei der Briefwahl ein Manipulationsrisiko gegeben sei, da auch Vertrauenspersonen die Unterlagen beantragen und Vertrauen missbrauchen könnten.

Kommt es zu Beschwerden wegen Unregelmäßigkeiten bei Auszählungen, prüfen Wahlausschüsse die Ergebnisse. So waren bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zu wenig Stimmen für die AfD und einige andere Parteien registriert worden. Die AfD beklagte, sie sei „massiv um Stimmen“ betrogen worden. Nach Prüfung wurde ihr Ergebnis um 2204 auf 626.756 Stimmen nach oben korrigiert – für einige der anderen Parteien wurden ebenfalls mehr Stimmen registriert, für andere weniger. An der Zahl der Abgeordneten änderte dies nichts: 16 AfD-Politiker sind im Landtag vertreten.

„Irreführendes und verleumderisches Vorgehen“

Ex-ODIHR-Chef Link sagt, wenn AfD-Politiker von Wahlbetrug in Deutschland sprächen, „so ist das der durchschaubare Versuch, sich selbst zum vermeintlichen Opfer zu stilisieren“. Es gebe keine Belege für eine gezielte Benachteiligung der AfD durch öffentliche Stellen oder das deutsche Wahlrecht.

Stefanie Schiffer, Vorstandsvorsitzende der Wahlbeobachtungsorganisation „Europäischen Plattform für demokratische Wahlen“ (EPDE) kritisiert die Bewegung „Ein Prozent“, die die „größte Wahlbeobachtung der Bundesrepublik“ organisieren will: Diese unterstelle dem „links-grünen Milieu“ den Versuch der Wahlfälschung und rufe lediglich dazu auf, eventuelle Benachteiligungen der AfD zu dokumentieren. „Solch ein Vorgehen ist verleumderisch und irreführend.“

Schiffer, deren Organisation regelmäßig Wahlen in Europa beobachtet, sagt: „In Deutschland garantieren die Medien, die Parteien und eine unabhängige Verwaltung seit Jahren eine gute Qualität der Wahlen“ – anders als in Staaten wie Russland, Weißrussland oder Aserbaidschan, wo Wahlen systematisch zugunsten der Regierungspartei manipuliert würden. Das belege auch der „Election Perception Index“ der Universität Harvard & Sidney, bei dem Deutschland den 7. Rang einnimmt.

Filmfestival Venedig: Goldener Löwe für „The Shape of Water“

Erstmals geht der Hauptpreis des Filmfestivals von Venedig nach Mexiko: Guillermo del Toro gewinnt für sein bildgewaltiges Märchen „The Shape of Water“ den Goldenen Löwen. Auch für eine deutsche Koproduktion gibt es einen Hauptpreis.

Der Fantasyfilm „The Shape of Water“ des mexikanischen Regisseurs Guillermo Del Toro ist beim Filmfestival von Venedig als bester Film ausgezeichnet worden. Del Toro nahm bei der Preisverleihung den begehrten Goldenen Löwen entgegen und widmete die Auszeichnung jungen lateinamerikanischen Filmemachern. „Wenn ihr rein bleibt und dem treu bleibt, an das ihr wirklich glaubt – in meinem Fall an Monster – könnt ihr alles tun, was ihr wollt“, sagte Del Toro bei der Preisverleihung auf dem Lido.

„The Shape of Water“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Putzfrau und einer seltsamen Amphibienfigur. Der Streifen setzte sich bei der 74. Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt gegen 20 andere Wettbewerbsfilme durch.

Deutsche Koproduktion erhält zweitwichtigsten Preis

Der zweitwichtigste Preis des Festivals, der Große Preis der Jury, ging an die deutsche Koproduktion „Foxtrot“. Das Drama des israelischen Regisseurs Samuel Maoz erzählt vom Tod eines jungen Soldaten und wie seine Familie damit umgeht. Als bester Schauspieler wurde Kamel El Basha für „The Insult“ geehrt. In dem Drama von Ziad Doueiri spielt er einen palästinensischen Bauarbeiter, dessen Streit mit einem Anwohner einer Baustelle in Beirut so eskaliert, dass die libanesische Stadt fast in einen Bürgerkrieg gerät.

Die Britin Charlotte Rampling nahm die Auszeichnung als beste Schauspielerin entgegen. Die 71 Jahre alte Rampling spielt in dem Drama „Hannah“ des italienischen Regisseurs Andrea Pallaoro eine einsame Frau, die ihr Leben nach der Verhaftung ihres Mannes neu ordnen muss.

Gleich zwei Auszeichnungen gingen an den Franzosen Xavier Legrand. Der junge Regisseur wurde für sein bedrückendes Scheidungsdrama „Jusqu’à la garde“ mit dem Silbernen Löwen als Preis für die beste Regie geehrt. Zuvor hatte er bereits den Luigi-De-Laurentiis-Preis für einen Debütfilm bekommen.

Der Ire Martin McDonagh gewann die Trophäe für das beste Drehbuch – bei der Tragikomödie „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ hatte er auch Regie geführt. Der Spezialpreis der Jury wurde an „Sweet Country“ des Australiers Warwick Thornton vergeben, der von Gewalt weißer Siedler an Aborigines erzählt. Der junge US-Amerikaner Charlie Plummer wurde mit dem Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller geehrt. Der 18-Jährige spielt in dem Drama „Lean on Pete“ des Briten Andrew Haigh einen verzweifelten Heranwachsenden.