400 Müllteile auf 100 Meter Nordseestrand

Umweltministerin Hendricks hat vor einem Jahr den sogenannten “Runden Tisch Meeresmüll“ eingerichtet. Die Beteiligten zogen nun eine Zwischenbilanz. In der Kritik steht die Schönheitsindustrie. Die sieht sich jedoch zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Angesichts der Tonnen von Plastikmüll in den Meeren und der vielen Fische und Vögel, die daran verenden, haben sich die G20-Staaten im Sommer dieses Jahres verpflichtet, Abfälle in Flüssen und Abwasser zu verringern. Aber was geschieht in Deutschland, das sich so oft als Vorreiter in der Bekämpfung der Umweltverschmutzung versteht? Vor einem Jahr hat Bundesumweltministerin Hendricks den sogenannten “Runden Tisch Meeresmüll“ eingerichtet. Mit dabei sind Umweltorganisationen, Ministerien, Forscher und Industrieverbände. Die Beteiligten zogen nun eine Zwischenbilanz.

Niedersachsens Umweltminister, Stefan Wenzel, sagte, dass das, was an deutsche Strände geschwemmt wird, manchmal bizarr sei. “Wir hatten im letzten Jahr diese Überraschungseier, wo ganze Containerladungen offenbar auf See geplatzt sind, über Bord gegangen sind und dann mit unendlich viel Arbeit von Ehrenamtlichen beseitigt wurden. Oder wir hatten Container, die über Bord gegangen sind, da waren dann Dachlatten oder Balken drin”, sagt er.

Teure Reinigung

Solche vergleichsweise großen Güter lassen sich noch recht gut einsammeln. Obwohl auch das teuer ist – die Reinigung von deutschen Stränden kostet pro Kilometer zwischen 3000 und 65.000 Euro, sagt die Chefin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger. Dramatisch ist vor allem aber der Plastikmüll. “Wir finden zum Beispiel auf 100 Metern Nordseestrand knapp 400 Müllteile, und auf 100 Metern Ostseestrand rund 70 Müllteile”, sagt Krautzberger. 70 Prozent und mehr davon seien Kunststoffe.

Im Meer selbst sind es meist erst die Fische und danach dann Vögel, die von der Verschmutzung betroffen sind. Vögel nehmen dazu noch winzige Mikroplastikteile über die Nahrung auf. Das sind kaum sichtbare Rückstände aus Kosmetika sowie Dusch- oder Peeling-Cremes.

Kritik an Schönheitspflegeindustrie

Die Schönheitspflegeindustrie hat sich zwar vor einiger Zeit verpflichtet, Mikroplastik sparsamer einzusetzen. Dennoch steht sie im Zentrum der Kritik.

Klaus Rettinger vom Industrieverband Körperpflege und Waschmittel ist einer der Teilnehmer des “Runden Tisches gegen Meeresmüll”. Er sagt, er fühle sich zu Unrecht an einen Pranger gestellt. “Für Mikro-Kunststoffpartikel gibt es die Verzichtserklärung unseres Verbandes, die schon ein gutes Stück umgesetzt ist”, so Rettinger. Es gebe schon eine Reduktion der Partikel um 80 Prozent zwischen 2012 und 2015. “Da finden wir, sind wir schon Vorreiter.”

Hendricks will Aussagen der Industrie prüfen

Bundesumweltministerin Hendricks will diese Erfolgsmeldung der Schönheitspflegeindustrie nun erstmal prüfen. Sie schlägt ihr neue Wege vor. “Wenn man statt Mikroplastik zum Beispiel für Peeling-Effekte gemahlene Walnuss nimmt, und man macht das bei allen großen Konzernen in allen Tagescremes, dann ist das natürlich ein großer Effekt“, so Hendricks.

Studien zufolge gelangen zwischen zwei und viereinhalb Prozent der produzierten Kunststoffe weltweit in die Meere. Es handelt sich dabei um Plastikabfälle, aber auch um den Abrieb von Schuhsohlen, Autoreifen, oder Fleecepullis. Zum Teil werden Abfälle von Schiffen ins Meer gekippt, der größere Teil aber gelangt vom Strand aus ins Wasser.

Hafengebühr für Müllentsorgung gefordert

Schiffsbesatzungen sollen nun animiert werden, ihren Müll ordnungsgemäß im Hafen zu entsorgen, statt ihn über Bord zu kippen. Dazu will der “Runde Tisch” die EU auffordern, eine einheitliche Hafengebühr in Europa einzuführen, die die Müllentsorgung mit einschließt.

Niedersachsens Umweltminister Wenzel sagt: “Wir können nicht auf See hinter jedem Schiff einen Polizisten herschicken. Das wäre logistisch nicht machbar.” Deshalb sei ein solches Anreizsystem gut geeignet.

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Plastik als Teil der Lösung

Rüdiger Baunemann vom Kunststoffindustrieverband “PlasticsEurope” sagt, dass die Herausforderungen durch den Meeresmüll nicht kleiner werden. Er weist jedoch darauf hin, dass Plastik inzwischen häufig nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung sein könne. “Die Elektromobilität wird nur mit leichten Baustoffen für das Automobil funktionieren”, sagt er.

Als Beispiele führt er darüber hinaus die Häuserdämmung im Bauwesen an sowie die alternative Energieerzeugung. “Die Windräder gehen ohne Kunststoffe nicht“, sagt er. Den Einsatz von Kunststoffen zu vermeiden werde also schwierig – gutes Recycling sei umso wichtiger.

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