Junge Wähler: Politisch, aber nicht genug

Immer mehr Alte, immer weniger Junge: Die Bevölkerungsentwicklung schlägt sich auch auf die Bundestagswahl durch. Jungwähler fühlen sich von der Politik kaum noch vertreten. Dabei schwindet ihr Einfluss nicht nur aus demografischen Gründen

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Ganz zum Schluss muss es dann doch einmal raus. „Viele Jugendliche haben mittlerweile das Gefühl, dass die Politik sehr weit von ihnen entfernt ist, dass Politik für eine ältere Generation gemacht wird“, sagt Moderatorin Lisa Sophie in ihrem Gespräch mit SPD-Chef Martin Schulz auf der Video-Plattform YouTube. Schulz nickt. Es sei für Politiker seiner Altersklasse oberste Pflicht sich zu vergegenwärtigen, dass ihre Entscheidungen die nächste Generation betreffen werden, sagt er. Lisa Sophie zeigt sich nicht überzeugt. „In den letzten Jahren hat das ja nicht so wirklich gut funktioniert“, antwortet sie.

Mit diesem Eindruck ist die Moderatorin nicht allein. Junge Erwachsene fühlen sich von der Politik zunehmend alleingelassen. Mehr als die Hälfte der 14- bis 24-Jährigen glaubt einer repräsentativen Umfrage zufolge, dass die junge Generation mehr auf sich selbst gestellt sei und sich weniger auf andere oder den Staat verlassen könne. In allen anderen Altersgruppen lag dieser Wert spürbar niedriger.

Nur wenige Jungwähler

Dieses Misstrauen hat durchaus Gründe. Denn tatsächlich verfügen die jungen Erwachsenen im Vergleich zu anderen Altersgruppen in Deutschland über weniger Macht. Die Demografie schlägt hier voll durch. Rund 61,5 Millionen Deutsche dürfen am 24. September ihre Stimme abgeben. Nur rund 15 Prozent von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Zum Vergleich: Allein die über 70-Jährigen machen mehr als 20 Prozent der Wahlberechtigten aus. 

Doch es ist nicht nur die Altersstruktur, die den Einfluss der Jungwähler schmälert. Keine andere Gruppe von Wahlberechtigten gibt so selten ihre Stimme ab wie die jungen Erwachsenen. So machten bei der Bundestagswahl vor vier Jahren nur rund 60 Prozent der Wahlberechtigten im Alter zwischen 21 und 24 Jahren überhaupt ihre Kreuze – ein Minus von mehr als zehn Prozentpunkten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Und wieder zum Vergleich: Von den 60- bis 69-jährigen Wahlberechtigten wählten fast 80 Prozent.

Junge Erwachsene können nachrangig behandelt werden

Diese Selbstverzwergung der Jungwähler sorgt dafür, dass ihre Anliegen im Bundestag weniger wahrgenommen werden. „Die Minderheit Jugend hat keine Lobby in der Politik, weil man mit ihr auch keine Wahlen gewinnen kann“, sagte der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski der Nachrichtenagentur dpa.

Auch können es sich die Parteien erlauben, die Jungen im Wahlkampf eher nachrangig zu behandeln. Neben den YouTube-Interviews mit beiden Spitzenkandidaten gab es im Wahlkampf kaum Formate oder Initiativen, die besonders auf die Bedürfnisse junger Erwachsener zugeschnitten waren. Ein bisschen Twitter, ein bisschen Facebook, ein paar Fotos hier und da – etwa vom Besuch der Kanzlerin auf der Computerspielemesse. Da musste reichen.

Wenige Wähler, aber nicht unpolitisch

Eine höhere Wahlbeteiligung unter den Jungwählern könnte helfen, dass diese Wählerschicht künftig in der Planung der Wahlkämpfer eine größere Rolle spielt. Ideen dazu gibt es viele. SPD, Linkspartei und Grüne fordern beispielsweise, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Auch Think Tanks wie die Bertelsmann Stiftung sprechen sich dafür aus.

Ein Selbstläufer sei die Maßnahme allerdings nicht. „Nur wenn die Jugendlichen durch spezielle Maßnahmen aktiviert und begleitet werden, wird ‚Wählen ab 16‘ ein Erfolg“, heißt es in einem Papier der Stiftung. Ein niedrigeres Wahlalter könnte es erleichtern, Jugendliche aus „politikfernen Elternhäusern“ noch durch die Schulen ans Thema Wählen heranzuführen, so die Hoffnung. Erste Erfahrungen in Bundesländern wie Hamburg seien vielversprechend.

Doch auch wenn die Beteiligung der Neuwähler noch unterdurchschnittlich ist: Unpolitisch sind die Unter-30-Jährigen nicht. „Junge Wähler interessieren sich eigentlich für eine ganze Reihe von Themen und engagieren sich auch, sie bringen diese Themen aber nicht unbedingt immer mit Politik in Verbindung“, sagt Adriana Groh, Politikwissenschaftlerin im Team von „Wepublic“, einer Organisation, die Bürger und Politik über digitale Kanäle zusammenbringen will, zu tagesschau.de.

Wilder Themenmix

Groh arbeitet derzeit an einem Pilotprojekt mit, das sich vor allem an Jungwähler richtet. Über eine App namens „+me“ sollen junge Wähler mit den politischen Parteien in Kontakt gebracht werden. Die Nutzer stimmen über Themen und Fragen ab, die dann den Parteien gestellt werden. Deren Antworten werden dann an die Fragesteller weitergeleitet. So sollen die Jungwähler besser entscheiden können, ob ihre Ansichten zum Beispiel besser durch die CDU oder durch die Linkspartei vertreten werden.

Die Themen, die von den Jungwählern angesprochen werden, sind dabei bunt gemischt. Es gehe um Waffenhandel, die Zukunft der EU, erneuerbare Energien, das bedingungslose Grundeinkommen oder die Legalisierung von Cannabis, so Groh. Auch Fragen zur Bildungspolitik werden immer wieder gestellt.

Jungwähler haben andere Schwerpunkte

Die Ergebnisse dieser „+me“-Auswertung sind natürlich nicht repräsentativ. Und doch geben sie einen Einblick in die Interessenwelt der Jungwähler. Man darf annehmen, dass sie nicht fundamental anders ist als die anderer Wählergruppen. Doch einige Themen sind den jungen Erwachsenen traditionell wichtiger als anderen Alterssegmenten.

Dies zeigt auch eine Auswertung der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai. Gefragt nach den wahlentscheidenden Themen waren sich fast alle Altersgruppen durch die Bank weg einig. Egal ob es um soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft und Arbeit oder Verkehrspolitik ging: Die Ergebnisse lagen stets nah beieinander. Nur in zwei Fällen gab es Ausreißer: Die jungen Wähler stuften die Bildungs- und Schulpolitik deutlich wichtiger ein als der Durchschnitt. Bei den 18- bis 22-Jährigen lag dieser Komplex sogar an der Spitze. Gleichzeitig war den jungen Wählern die innere Sicherheit spürbar weniger wichtig.

Eine ein bisschen andere Republik

Diese Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf die Bundestagswahl übertragen. Doch es fällt auf, dass die Bildungspolitik mit Blick auf den 24. September keine herausgehobene Rolle spielt. Zwar schlug die SPD kurzzeitig mit der Forderung Wellen, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern abzuschaffen, doch insgesamt scheint das Thema die Wähler nicht zu mobilisieren.

Im DeutschlandTrend vom Juli landete die Bildung bei der Frage nach den wichtigsten politischen Themen des Landes mit gerade einmal 14 Prozent auf Platz vier. Spitzenreiter – mit großem Abstand – war die Flüchtlingspolitik.

Das zeigt schon, dass die Republik wohl eine andere wäre, wenn die Interessen der Jungwähler stärker vertreten würden. Hätten bei den Landtagswahlen im Frühjahr nur die Unter-30-Jährigen abgestimmt: Das Saarland würde heute wohl Rot-Rot-Grün regiert und in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen hätten die Regierungschefs von der SPD ihre Ämter behalten. Das zeigen die Auswertungen der Wahlergebnisse nach Altersgruppen.

Union war 2013 bei Erstwählern die Nummer eins

Mit Blick auf die Bundestagswahl ist hingegen weniger klar, ob die Jungen die Dinge so anders sehen als die Gesamtbevölkerung. Zwar zeigten die Erstwähler sich vor vier Jahren durchaus experimentierfreudig, was ihre Stimmabgabe anging – fast 20 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählten damals „sonstige Parteien“, insbesondere die Piraten. Stärkste Kraft war jedoch bereits damals wie in allen Altersklassen die CDU.

Dabei könnte es bleiben. Einer Umfrage vom Juni zufolge führte Bundeskanzlerin Angela Merkel damals mit deutlichem Abstand vor SPD-Mann Schulz. Eine Kulturrevolution sieht anders aus.

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