Twitter-Kämpfer gegen Geschichtsverfälschung – ein Interview

Fotos von James Dean und Marilyn Monroe, Albert Einstein oder aus dem Zweiten Weltkrieg: Mit historischen Fotos erreichen Twitter-Accounts Millionen Abonnenten. Aber unter den Bildern sind immer wieder Fehler und Fakes. Ein Mann hat es zu seiner Mission gemacht, sie zu berichtigen.

Historische Fotos faszinieren viele Menschen – besonders, wenn sie spektakuläre Geschehnisse oder Prominente zeigen. Das beweisen nicht nur populärhistorische Zeitschriften, T-Shirt- oder Plakat-Designs, sondern auch Twitter-Accounts mit zehntausenden, hunderttausenden oder sogar Millionen Abonnenten. Doch die Nutzer bekommen dort auch immer wieder gefälschte oder falsch zugeordnete Fotos vorgesetzt.

Marilyn Monroe und James Dean bei einer gemeinsamen Zigarette auf der Terrasse eines Wolkenkratzers – ein digital erzeugtes Bild. Eine angebliche sowjetische Scharfschützin aus dem Zweiten Weltkrieg – in Wahrheit eine Filmszene. Fidel Castro hält den heutigen kanadischen Premierminister Justin Trudeau als Baby auf dem Arm – tatsächlich war es Trudeaus jüngerer Bruder. Drei Beispiele, die der finnische IT-Sicherheitsexperte Janne Ahlberg mit seinem Twitter-Account „HoaxEye“ aufgedeckt hat. Der ARD-faktenfinder hat mit ihm darüber gesprochen

Wahrscheinlich Hunderte Fotos überprüft

ARD-faktenfinder: Sie überprüfen Bilder, die andere im Netz posten. Wie viele falsche haben Sie schon richtig gestellt?

Janne Ahlberg: Gute Frage. Ich zähle sie nicht. Wahrscheinlich Hunderte.

ARD-faktenfinder: Warum machen Sie das? Es hat sie niemand darum gebeten.

Ahlberg: Ich habe Anfang 2014 damit als Hobby angefangen. Damals habe ich auf Twitter ein Foto von angeblichen Blackwater-Söldner in der Ukraine gesehen. Ich fing an nachzuforschen und habe herausgefunden, dass es in Wahrheit ein bearbeitetes Foto eines Polizei-SWAT-Teams aus New Orleans war.

So begann ich, mich für Foto-Forensik, umgekehrte Bildersuche, Faktenchecken und so weiter zu interessieren. Weil das mit meiner eigentlichen Arbeit nicht so viel zu tun hat, habe ich dann 2015 mit „HoaxEye“ ein eigenes Twitter-Profil für den Kampf gegen Fälschungen aufgemacht. Ich möchte Tweet für Tweet darauf aufmerksam machen, wie sich Fakes und falsch beschriftete Fotos verbreiten. Meine Follower sind meine Motivation.

ARD-faktenfinder: Was ist denn Ihrer Meinung nach das Problem mit falschen Fotos und Bildunterschriften?

Ahlberg: Die Verfälschung von Geschichte macht mir Sorgen. Wenn ich zum Beispiel sehe, wie eine Filmszene als echtes Foto des Mordes an John F. Kennedy verbreitet wird und dafür Hunderte oder Tausende Retweets erhält, befürchte ich, dass einige Leute das Bild als echt ansehen.

Und dann gab es die virale Geschichte über eine riesige Baby-Skulptur an einer Straße, die angeblich ein Mann für sein ungeborenes Kind errichtet hatte. Diese Story war populärer als die tatsächliche Entstehungsgeschichte.

„Es kümmert sie nicht, dass es Fakes sind“

ARD-faktenfinder: Welche Arten von Falschinformationen fallen Ihnen am häufigsten auf?

Ahlberg: Am häufigsten sind derzeit falsche Bildunterschriften. Das liegt daran, dass viele dieser Bilder-Accounts automatisch laufen. Fakten werden nicht überprüft.

Einnahmen von Bilder-Accounts bei Twitter

Ob und wie solche Bilder-Accounts Einnahmen generieren, ist nicht nicht immer sofort zu erkennen. Aber Ahlberg geht davon aus, dass es verschiedene Geschäftsmodelle gibt: Die Betreiber können Besucher über Twitter und Facebook auf ihre eigenen Seiten lenken, auf denen sie Anzeigen verkaufen. Andere machen zwischen ihren Bilder-Posts auf Inhalte von Anzeigenkunden aufmerksam. Oder es geht ihnen laut Ahlberg zunächst nur darum, einem Account über die Bilder zu vielen Followern zu verhelfen, um es dann gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Solche Bilder-Accounts kümmert es nicht, ob sie Falschinformationen verbreiten. Sie scheren sich auch nicht darum, wer das Bild gemacht hat. Der Künstler oder Fotograf wird nur selten genannt. Die Accounts laufen vollautomatisch und reagieren deshalb niemals auf Korrekturhinweise. Aber sie haben eine Menge Follower.

ARD-faktenfinder: Wie reagieren die Nutzer auf Ihre Korrekturhinweise?

Ahlberg: Unterschiedlich. Einige Leute scheint es nicht zu kümmern, ob ein Bild ein Fake ist oder nicht. Vielleicht ist es für sie egal, solange es „gut aussieht“. Andere haben aufgehört, diesen Bilder-Accounts zu folgen. Vielleicht kommt so etwas ja bei den Verantwortlichen an – denn manche dieser Bilder-Accounts verdienen Geld über ihre Follower.

ARD-faktenfinder: Glauben Sie denn daran, dass Ihre Arbeit etwas bewirkt?

Ahlberg: Ich hoffe doch. Meine Follower interessiert es ja. Und jedes Mal, wenn sie meine Informationen über falsche Bilder weiterverbreiten, bewirkt das etwas. Ich bekomme inzwischen auch schon viele Anfragen, verdächtige Bilder oder Geschichte zu überprüfen. Das zeigt, dass Menschen an Faktenchecks interessiert sind.

Das Interview führte Fiete Stegers, NDR

Mehr zum Thema

(Visited 1 times, 1 visits today)